Eine Ortsbeschreibung aus dem Jahr 1912

Titz

Titz, im Nordosten des Kreises Jülich an der Aachen-Düsseldorfer Landstraße gelegen, 10 Kilometer von der Kreisstadt entfernt, zählt seit mehreren Jahrzehnten etwa 1200 Einwohner, die fast immer ausschließlich katholisch waren. Sie betreiben vorwiegend Ackerbau und Viehzucht; nur etwa 50 bis 60 Personen haben auswärts Beschäftigung, teils auf der Zuckerfabrik in Ameln, teils in den gewerblichen Fabriken zu Otzenrath, Hochneukirch und Rheydt. Die am Orte vorbeiführende Eisenbahn der Strecke Jülich-M.Gladbach, die am 1. Oktober 1873 dem Verkehr übergeben wurde, brachte dem Dorfe erst im Jahre 1890 eine erwünschte Haltestelle. Der Umstand, daß sich der Personen- und Güterverkehr von Jahr zu Jahr hob, veranlaßte die kgl. Eisenbahn-Direktion, diese im Jahre 1909 in eine Station umzuwandeln.

Man will behaupten, daß Titz schon eine römische Anlage gewesen sei, und hier aufgefundene römische Altertümer scheinen diese Meinung zu bestätigen. Den Namen soll das Dorf tragen nach dem römischen Kaiser Titus. Wenn diese Deutung auch zu gewagt ist, da es keine Anhaltspunkte gibt, die gerade den Kaiser Titus als den Namengebenden bestätigen, so dürfte doch unzweifelhaft sein, daß die Siedelung Titz = Titiacum einem Titus ihr Dasein verdankt. Über die Geschichte des Ortes ist sozusagen nichts bekannt. Im Mittelalter bildete er eine sogenannte Herrschaft, deren Besitzer sich nach ihr nannten. Bei einem Turniere, das im 14. Jahrhundert ein Graf von Flandern dem Rheinischen Adel in Köln gab, zeichnete sich Johann von Titz in den Ritterspielen rühmlichst aus. Seine Burg soll in unmittelbarer Nähe der Kirche gestanden haben; auf ihren Grundmauern soll das heute noch die Burg oder Haus Titz genannte Gehöft erbaut sein.

Titz wurde im Laufe der Zeit ein befestigter Ort; die Befestigung scheint gegen den Ausgang des Mittelalters erfolgt zu sein. Eine Abbildung aus dem Jahre 1723 zeigt den “Flecken” Titz mit vier Toren. Um 1790 war noch ein Bogen von einem dieser Festungstore zu sehen. Im Jülich-Klevischen Erbfolgekriege 1609-1614 bezw. 1620 wurde der befestigte Ort belagert und stark beschossen. Daran sollen die steinernen Kugeln erinnern, deren eine Anzahl in die alte Kirche eingemauert war. Nach anderer Meinung stammen diese Steinkugeln von einer Belagerung der Stadt Jülich her. Wahrscheinlich rührt von der Beschießung der Verfall der Festung her. Von den Mauerwerken ist nichts mehr vorhanden; nur noch mehrere Wallgräben sind erkennbar. Die Zeit hat das frühere Festungsgelände ganz mit Gemüse- und Baumgärten überzogen. Jedenfalls hat Titz als Festung häufig genug fremdes Kriegsvolk angezogen. So wird u. a. aus dem Jahre 1586 berichtet: “Im Dinkmal Titz, ins Ambtt Gulich gehörig, sein 10 Fänlin Hispanier, so von Wanlo dahin gekommen und Simon Turbido zustendig gewesen, eingeruckt inen Schaden gethon über . . . . . 1000 Thaler.”

Als eine besondere historische Tatsache ist anzusehen, daß im Jahre 1814 (Freiheitskriege) das Dorf und die Bürgermeisterei Titz vor und nach eine sehr starke Einquartierung erhielten, nämlich 38920 Offiziere und Mannschaften nebst 25082 Pferden. (Aufzeichnungen auf dem Bürgermeisteramte.) Auch verdient erwähnt zu werden, daß am 27. August 1857 das Dorf von einem großen Brandunglücke heimgesucht wurde, wobei 15 Häuser nebst Scheune und Stallungen ein Raub der Flammen wurden.

Die jetzige, in den Jahren 1889 und 1890 an Stelle der alten erbaute Pfarrkirche mit ihrem weithin sichtbarem Turme zeigt rein gotischen Stil. Die Mittel zu diesem herrlichen Gotteshause wurden größtenteils durch freiwillige Beiträge der Pfarreingesessenen aufgebracht, ein beredtes Zeugnis von ihrem Opfersinn. Die oben erwähnten, in der alten Kirche eingemauerten Steinkugeln fanden Aufnahme in zwei Eckpfeilern am Chore der jetzigen Kirche.

Eine Kirche in “Titz” wird erst im Erkundigungsbuch des Jahres 1533 genannt, un in dem Erkundigungsbuch von 1550 wird die Kirche zu Titz als Kapelle der “moderkirchen Speel underhoerich” bezeichnet. Ein Kirchenbau fand im 15. Jahrhundert statt, der wahrscheinlich erst in dessen letztem Jahrzehnt beendigt wurde. Dies war offenbar die 1889 abgebrochene alte Kirche. Ob vor dem 15. Jahrhundert in Titz keine Kirche bestanden hat und das Dorf bis dahin in allem zu Spiel gehörte, oder ob es eine Kapellengemeinde mit einiger Selbständigkeit unter Spiel war, ist nicht leicht oder gar nicht nachzuweisen. Dieser Unselbständigkeit in kirchlicher Beziehung steht die Bedeutenheit des Ortes, der sich zum befestigten Flecken aufschwingen konnte, gegenüber. Darnach darf man sicher versucht sein, die um 1300 genannte Pfarrei “Tetze” als “Titz” und nicht als das häufig damit verwechselte “Tetz” anzusehen, und demgemäß wäre die Kirche in Titz recht alt. Diese Auffassung zugunsten “Titz” als frühe Pfarrei findet eine Stütze in der Urkunde vom 2. August 1166: Erzbischof Reinald tut kund, daß ein Zehnter von 9 Hufen und 10 Morgen, gelegen in “Spele et Tyzene” durch Verlehnung in Laienhände (der Grafen von Molbach) gekommen seien und jetzt durch den Propst und das Kapitel von St. Gereon in Köln wieder gelöst und der Kirche St. Gereon übergeben worden seien. Eine zweite Urkunde, ungefähr 20 Jahre später ausgefertigt, geht über die erste hinaus und berichtet, daß der Propst von St. Gereon den genannten Zehnten in Verbindung mit einer Zuwendung aus der Kirche zu Viersen zu einem guten Zwecke verwenden will. Er begründet damit vier Vikarstellen beim Stifte St. Gereon, und der älteste der Vikare hat jedesmal die Kirche in Titz zu vergeben. Demgemäß also muß eine Kirche in Titz schon im 12. Jahrhundert bestanden haben. – Erwähnt sei die schöne Monstranz der Kirche mit den merkwürdigen Medaillen, eine des Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen aus dem Jahre 1547, eine von dem Kurfürsten Ernst von Köln, Herzog von Bayern, dann eine mit Wappen und Inschrift: Philipp Karl Freiherr von Hochstedten zu Niederzier, Herr zu Velt und Betgenhusen, Ihro Churfürstl. Durchlaucht zu Pfalz, Gemeiner Rat und Amtmann zu Jülich (+ 1699).

In der französischen Zeit erlangte Titz einen kurzen Ruhm; es wurde 1798 Hauptstadt eines Kantons, dem auch Jülich einverleibt wurde. Zum Kanton Titz gehörten alle umliegenden Dörfer: Ameln, Kalrath, Rödingen, Spiel, Güsten, Welldorf, Lich, Hambach, Stetternich, Broich, Mersch, Pattern, Müntz, Tetz, Boslar, Hasselsweiler, Opherten, Jackerath, Otzenrath, Immerath u.a.

An der Spitze des Kantons stand Antoine Velder aus Titz als Präsident. Der Kanton hielt dann und wann gemeinsame Beratungen ab, zu denen die Agenten (Vorsteher) der einzelnen Ortschaften zu erscheinen hatten, und wobei der Präsident den Vorsitz führte. Die Herrlichkeit von Titz dauerte nur 3 Jahre; 1801 ward Mersch zum Hauptort des Kantons erhoben.

Quelle:

Geschichte der Städte, Flecken, Dörfer, Burgen und Klöster in den Kreisen Jülich, Düren, Erkelenz, Geilenkirchen und Heinsberg nebst statistischen Angaben.

Nach authentischen Quellen gesammelt und bearbeitet von Jakob Offermanns.

In neuer Bearbeitung von Joh. Brückmann königlichem Seminarlehrer.

Der Kreis Jülich

1912

S. 321 – 324